Niels Högel: Der Krankenpfleger, der tötete und rettete
Shownotes
- Niels Högel arbeitete zwischen 1999 und 2005 in zwei niedersächsischen Kliniken und wurde 2019 wegen 85 Morden verurteilt. In 332 Fällen wurde ermittelt.
- Das Herzmedikament Ajmalin (Gilurytmal) blockiert Natriumkanäle im Herzmuskel und kann bei Überdosierung Kammerflimmern auslösen. Seine kurze Halbwertszeit machte den forensischen Nachweis in den meisten Fällen unmöglich.
- Eine handschriftliche Liste des Stationsleiters aus dem Jahr 2001 trug hinter Högels Namen achtzehn Einträge. Hinter allen anderen Kollegen: null bis zwei. Die Liste verschwand in einer Schublade.
- Die Klinikleitung Oldenburg entließ Högel 2002 mit Abfindung und einem positiven Arbeitszeugnis, statt die Polizei zu informieren. Mit diesem Zeugnis wurde er in Delmenhorst eingestellt.
- Ermittler die schon 2006 auf umfassende Exhumierungen drängten, wurden nicht gehört. Entscheidende Unterlagen aus Oldenburg wurden erst nach dem Urteil von 2015 weitergegeben.
- Vier ehemalige Mitarbeiter wurden wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt. Die Frage, ab wann Schweigen zur Mitschuld wird, blieb auch nach dem Urteil unbeantwortet.
Dieser Fall ist mehr als die Geschichte eines Täters. Er ist eine Bestandsaufnahme der Strukturen, die es ihm ermöglichten: hierarchische Krankenhaussysteme, fehlender Whistleblower-Schutz, Totenscheine ohne toxikologische Routineprüfung. Nächste Woche: Alexander Litvinenko und Polonium-210.
Transkript anzeigen
00:00:04: Willkommen bei Tötliche Verbindungen, dem True Crime Podcast mit Dr.
00:00:09: Thimo Schühler.
00:00:13: Es ist kurz nach zwei Uhr nachts.
00:00:16: Die Intensivstation liegt im gedämpften Licht der Nachtschicht.
00:00:21: Irgendwo piept ein Monitor in gleichmäßigem Rhythmus die Luft riecht nach Desinfektionsmittel dieser charakteristischen leicht stechenden Mischung die man nirgendwo sonst rieht und die man einmal gerochen nie wieder vergisst.
00:00:39: Dieter ist dreiundsechzig, er ist Rentner und hat sich auf den Ruhestand gefreut – auf den Garten, auf Reisen mit seiner Frau, auf Dinge die er jahrelang aufgeschoben hat.
00:00:52: Er liegt jetzt seit ein paar Tagen hier aber es geht ihm schon besser.
00:00:56: Morgen vielleicht, hat der Arzt gesagt, bald!
00:01:10: Der hierher gehört, der hier jeden Winkel kennt.
00:01:14: Der Nachts ein- und ausgeht und dessen Anwesenheit niemandem aufschreckt.
00:01:20: Die Tür geht auf, kurzes Licht dann dunkel.
00:01:26: jemand tritt ans Bett.
00:01:30: Dieter spürt kurz etwas an seinem Arm die Infosionspumpe vielleicht Ein kleines Geräusch da nichts.
00:01:42: Dann fängt sein Herz an aus dem Takt zu geraten.
00:01:52: Hallo und herzlich willkommen zurück bei Tötliche Verbindungen.
00:01:56: In der letzten Folge haben wir über ein Mann gesprochen, der sein Gift aufs Pausenbrot gestreut hat – über Schwermetalle, die sich still und geduldig im Körper ansammeln….
00:02:07: …und über die lange unsichtbare Zeit bevor jemand überhaupt zu suchen beginnt!
00:02:12: Heute ist das anders.
00:02:14: Heute geht es um einen Mann dem ihr euer Leben anvertraut hättet, dem ihr's anvertrauen musstet weil ihr krank wart Weil ihr allein in einem Krankenhausbett lag, weil er der Pfleger war und ihr der Patient.
00:02:29: Nils Högel, Krankenpfleger zwischen Nineteinhundertneunzig und Zweitausendundfünf tätig in zwei Kliniken in Niedersachsen vorurteilt für über fünfundachtzig Morde verdächtigt in bis zu dreihundertzweiunddreißig Fällen.
00:02:48: Der größte Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte ist.
00:02:54: nicht nur was er getan hat.
00:02:56: Es ist, dass fast alle darum wussten und trotzdem schwiegen.
00:03:03: Wir kommen bei tödliche Verbindungen.
00:03:07: Bevor wir tiefer in den Fall einsteigen – eine kurze persönliche Anmerkung!
00:03:13: Meine Mutter ist in einem Krankenhaus gestorben nach einer langen Geschichte aus Fehlern, Ausbehandlungen die Schiefgegen aus Momenten wo das System hätte eingreifen können und es nicht getan hat.
00:03:24: Ich weiß nicht mit Sicherheit was genau am Ende passiert ist.
00:03:27: Ich werde es wahrscheinlich nie wissen.
00:03:29: Dieser Fall hier trifft mich deshalb anders als der Letzte, die Opfer sind hier nicht irgendwie anonyme.
00:03:35: Es ist eher so dass kein Außenseiter tätig war der sich heimlich irgendwie Zugang verschafft hat.
00:03:42: Das war jemand in weißer Kleidung mit einem Ausweis und vor allem Mit Vertrauen.
00:03:50: Der Fall Nils Högel wächst in Willihelmshafen auf.
00:03:54: Er ist ein normaler Schüler, er spielt Fußball und hat keinerlei Aufflägenprobleme.
00:04:00: Sein Vater ist Krankenpfleger, seine Großmutter Krankenschwester.
00:04:05: Der Beruf liegt ihm also nahe.
00:04:07: In dem Jahr aber siebenundneunzig schließt er seine Ausbildung zum Krankenpflege ab.
00:04:12: Zwei Jahre später fängt er im Klinikum Oldenburg an auf der Herzchirurgischen Intensivstation Und hier beginnt die Geschichte, die ich euch heute erzähle.
00:04:23: Ich möchte kurz innehalten bei diesem Bild Herzchirurgische Intensivstation.
00:04:28: Das ist nicht irgendeine Abteilung, das sind Menschen nach offenen Herzoperationen, Menschen die am verletzlichsten sind und rund um die Uhr überwacht werden müssen, deren Leben buchstäblich an Schläuchen und Pumpen hängt ... Und mittendarin Nils Högel.
00:04:46: Die erste Monate läuft eigentlich alles unauffällig.
00:04:49: Er gilt als engagiert, zupackend und medizinisch kompetent.
00:04:54: Kollegen beschreiben ihn als jemand, der gern anpackt.
00:04:56: Gern dabei ist wenn es brenzlig wird und dann häufen sich aber die brenzeligen Momente Auffällig.
00:05:03: viele Patienten erleiden während seiner Schichten plötzlich Kreislaufzusammenbrüche.
00:05:08: auffällige.
00:05:08: Viele müssen reanimiert werden Und Högel, er ist immer da Der ist immer der Erster am Bett Entschlossen und bereit.
00:05:18: Sie nennen ihnen den Rettungsrambo.
00:05:21: Zunächst klingt das nach einem Kompliment Aber irgendetwas stimmt nicht.
00:05:25: Und einige Kollegen spüren das auch.
00:05:28: Im August, zwei Tausend und eins beruft die Station eine Versammlung ein.
00:05:33: Das Thema?
00:05:34: Die ungewöhnlich hohe Zahl an Reanimationen und Todesfällen in den letzten Monaten!
00:05:40: Alle sind dabei – auch Högel.
00:05:44: Was dann passiert ist eines der Details in diesem Fall, dass mich am meisten beschäftigt.
00:05:48: Högel offenbar aus Angst erwischt zu werden meldet sich nach dieser Versammlung für drei Wochen krank.
00:05:55: Und während seiner Abwesenheit?
00:05:57: Da gehen die Zahlen natürlich zurück, seine Kollegen bemerken es sofort direkt!
00:06:22: Vielleicht zwei Striche.
00:06:24: Hinter Nils Högel's Namen, achtzehn.
00:06:30: Diese Liste existiert!
00:06:32: Sie liegt schwarz auf weiß vor.
00:06:34: und was passiert damit?
00:06:36: Nichts.
00:06:38: Zunächst ... Dann im September, war die Klinik Leitung das Vertrauen in Högel.
00:06:44: Ein Chefarzt teilt ihm das mit.
00:06:46: aber statt die Polizei zu informieren, Irgend eine Art Untersuchung einzuleiten statt irgendjemandem außerhalb der Klinik danach zu fragen, ob da irgendwas nicht stimmt.
00:06:57: Bietet die Klinikleitung Högel drei zusätzliche Monatsgehälter an und ein Arbeitszeugnis – ein gutes Arbeitszeugniss!
00:07:06: Er habe zur vollsten Zufriedenheit gearbeitet.
00:07:09: Mit diesem Zeugnis bewirbt sich Nils Högl im Dezember-II.
00:07:13: in Krankenhaus Delmenhorst und wird eingestellt und mordet weiter.
00:07:22: In Delmenhorst geht es von Anfang an weiter.
00:07:25: Neue Station, neue Patienten aber dasselbe Muster Kreislaufzusammenbrüche Reanimation Todesfälle die niemand erklären kann und Högel ist immer mittendrin.
00:07:38: Und dann kommt der Zweiundzwanzigste Juni zwei tausend und fünf drei Jahre nach Beginn seiner neuen Tätigkeit.
00:07:47: Endlich wird Nils Högel auf frischer Tat erwischt.
00:07:52: Kollegen beobachten ihn dabei, wie er die Infusionspumpe eines Patienten manipuliert und diesen Patienten ohne jede medizinische Indikation ein Herzmedikament indiziert.
00:08:03: Das Herz-Medikament Gilo Rhythmal Den Werkstoff werden wir gleich uns mal genauer anschauen.
00:08:10: An diesem Tag endet endlich die aktive Mortserie von Nils Högel.
00:08:17: Aber die Geschichte endet hier nicht.
00:08:19: Weit davon entfernt.
00:08:21: Was folgt ist ein jahrelanger, quälend langsamer Weg durch die Justiz.
00:08:40: Der Staatsanwalt erklärt öffentliches Gebe keine Hinweise auf Zusammenhänge mit anderen Todesfällen?
00:08:46: Keine Hinweise!
00:08:54: Neues Verfahren, neues Urteil.
00:08:57: Siebeneinhalb Jahre.
00:08:59: Lebenslanges Berufsverbot – wenigstens das!
00:09:02: Erst-Zw.IV beginnt die Staatsanwaltschaft Oldenburg ernsthaft wegen der Fälle in Delmenhorst zu ermitteln und endlich Högel gesteht.
00:09:13: Zunächst dreißig Morde dann mehr.
00:09:26: Neues Verfahren.
00:09:28: Diesmal wegen siebenundneunzig weiterer Fälle, sieben und neunzig!
00:09:33: Der Prozess ist so groß dass er nicht in einem normalen Gerichtssaal passen würde.
00:09:38: Er findet in den Weser-Emshallen in Oldenburg statt.
00:09:42: Hundertzwanzig Angehörige als Nebenkläger, achtzig Medienvertreter – gleich am ersten Verhandlungstag gesteht Högel erneut.
00:09:56: für fünfundachtzig Morde, besondere Schwere der Schuld.
00:10:01: In insgesamt dreihundertundzweiunddreißig Fällen wurde
00:10:06: ermittelt.".
00:10:08: Das Motiv – und auch das kennen wir aus Folge eins als bittere Konstante ist nie vollständig aufgeklärt worden!
00:10:15: Die Staatsanwaltschaft nennt Langeweile- und Geldungssucht.
00:10:19: Er wollte der Held sein, der Retter.
00:10:22: Derjenige, der einen Kreislaufzusammenbruch provoziert und dann den Patienten zurückholt.
00:10:28: Oder es versucht, in vielen Fällen hat das nicht geklappt!
00:10:33: Und dann ist da noch dieser andere Prozess – der Prozess gegen die Kollegen und Vorgesetzten.
00:10:40: Vier ehemalige Mitarbeiter der Kliniken wurden wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt.
00:10:46: Nicht weil sie irgendwie selbst getötet hätten oder haben sondern weil Sie es nicht gestoppt haben und Sie hätten es stoppen können.
00:10:55: Weil Sie Hinweise hatten, Sie aber schwiegen.
00:10:59: Das Urteil in diesem Verfahren ist komplex und umstritten, aber die Frage, die es aufwirft lässt sich nicht wegdiskutieren.
00:11:06: Ab wann wird schweigen zur Mitschuld?
00:11:10: Dazu kommen wir am Ende dieser Folge noch einmal zurück.
00:11:15: Die Chemie dahinter.
00:11:17: In Folge eins haben wir über Gifte gesprochen, die von außen kommen Schwermetalle, die jemand heimlich auf ein Pausenbrot streut Substanz, die der Körper nicht kennt und nicht einordnen kann.
00:11:28: heute Ist das anders und macht es in gewisser Weise noch verstörender.
00:11:33: Atschmalin, Handelsname Gilo-Rhythmal ist kein Umweltgift.
00:11:40: Es ist kein Industrieprodukt.
00:11:42: Kein Stoff, den man sich im Internet zusammenkauft.
00:11:45: ATSCHMALIN ist ein Medikament – ein echtes legitimes, in der Notfallmedizin eingesetztes Herzmedikament.
00:11:53: Es steht in Krankenhäusern im Schrank!
00:11:55: Es liegt griffbereit auf Intensivstationen und es rettet Leben, wenn man es richtig einsetzt.
00:12:01: Nils Högel wusste genau was er in der Hand hielt.
00:12:06: Aber fangen wir von vorne an.
00:12:07: Atschmalin ist ein pflanzliches Alkaloid gewonnen aus den Wurzeln der indischen Schlangenwurzel Rauwolvia serpentina.
00:12:15: Pflanzlich klingt harmlos Ist das aber nicht?
00:12:18: Die Natur produziert einige der wirksamsten Gifte überhaupt.
00:12:22: Das werden wir in späteren Folgen dann noch viel öfter sehen.
00:12:25: Arschmalin gehört zur Klasse der Antiarrhythmika.
00:12:28: Das sind Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen und um zu verstehen, wie das wirkt brauchen wir mal einen kurzen Blick in unser Herz.
00:12:37: Das Herz schlägt nicht einfach so!
00:12:39: Es folgt einem elektrischen Signal – jeder Herzschlag beginnt mit einer Welle elektrischer Erregung die sich durch das gesamte Herzmuskelgewebe ausbreitet von oben nach unten, von den Vorhöfen zu den Kammern.
00:12:52: Und diese Welle entsteht dadurch dass Natriumion in die Herzmuskelzellen einströmen.
00:12:58: Schnell, präzise, rhythmisch!
00:13:00: Und Archmalin blockiert genau diese Natriumkanäle.
00:13:05: Es verlangsamt damit den Einstrom der Natrimillionen – das Herz wird ruhiger, weniger erregbar, langsamer kontrollierter.
00:13:14: Bei jemandem der Herzrasen hat ja ein lebensgefährliches Herzstolpernaht ist es die Rettung.
00:13:20: Das Medikament bremst das außer Kontrolle geratene Herz wieder ein.
00:13:25: Aber was passiert, wenn ein gesundes oder auch bereits geschwächtes Herz diese Bremse bekommt?
00:13:31: Wenn jemand Atschmalin injiziert bekommt der es nicht braucht oder der zu viel davon bekommt.
00:13:39: Dann bricht das gesamte elektrische System zusammen.
00:13:42: Das Herz verliert seinen Rhythmus Es fängt an zu flattern.
00:13:46: Kammerflimmern Das unkontrollierte nutzlose Zucken des Herzens ohne jeden Pumpmechanismus.
00:13:53: Der Blutdruck sagt ab, innerhalb von Sekunden bis Minuten verliert der Patient das Bewusstsein.
00:13:59: Ohne sofortige Reanimation folgt es unweigerlich zum Tod.
00:14:05: Das ist kein langsames Schleichnis-Gift wie wir das in Folge eins hatten – ein gezielter Eingriff in das elektrische System eines einzelnen Organs, dass keinerlei Fehler verzeiht!
00:14:17: Und jetzt kommt der Teil, der mich als Biochemiker oder Biomedizinischer Chemiker wirklich beschäftigt.
00:14:23: Högel hat das nicht blind getan.
00:14:26: Er kannte genau die Wirkung und er kannte die Dosierung, er wusste, dass eine Überdosis Kammerflimmern auslöst – und er wussten noch etwas!
00:14:34: Dass das was er auslösst genauso aussieht wie ein natürlicher Kreislaufzusammenproch.
00:14:41: Ein Patient der ohnehin krank ist, der ohne hin auf der Intensivstation liegt bekommt plötzlich Kammerflimmern.
00:14:48: Der Alarm piept, das Team eilt herbei ... Und Nils Högel ist der erste am Bett.
00:14:55: Er ist der Retter.
00:14:57: Das war sein Motiv laut Staatsanwaltschaft, die Anerkennung der Adrenalinstoß und das Gefühl unentbehrlich zu sein.
00:15:05: Er hat das Chaos erschaffen, dass er dann lösen wollte.
00:15:08: Manchmal hatte er es auch gelöst – aber eben oft nicht.
00:15:13: Eine kurze Anmerkung zu einer zweiten Substanz.
00:15:16: In einigen Fällen wurde auch Sothalol nachgewiesen.
00:15:20: Ebenfalls ein Anti-Arrythmikum!
00:15:22: Eben falls ein Natriumkanal Antagonist Also ein ähnlicher Mechanismus.
00:15:28: Ob Högel bewusst zwischen verschiedenen Substanzen wechselte, um Entdeckung zu vermeiden oder aus anderen Gründen vielleicht Versuche?
00:15:36: Das ist aus den öffentlichen Quellen nicht vollständig rekonstruierbar.
00:15:40: aber die Grundlogik ist eben dieselbe Medikamente, die das elektrische System des Herzens manipulieren.
00:15:50: Wie weiß man das nach?
00:15:53: Hier liegt ein entscheidender Unterschied zur Folge.
00:15:55: eins Bei Schwermetallen haben wir gesagt Die Werkzeuge lagen im Schrank, ICPMS, H-Analysen und Knochenproben.
00:16:03: Das sind hochpräzise Methoden, die hätten eingesetzt werden können.
00:16:06: Das Problem war, dass niemand danach suchte.
00:16:10: Bei Atschmalin ist das Problem ein anderes, ein fundamentaleres.
00:16:14: Atschmalin hat eine extrem kurze Halbwertszeit im menschlichen Körper.
00:16:19: Es wird schnell abgebaut, schnell metabolisiert – hauptsächlich über die Leber zu etwa neunzig Prozent!
00:16:26: Die pharmacologische Wirkung hält auch nur zwanzig Minuten an.
00:16:29: Und was das forensisch bedeutet, ist verheerend, wenn ein Patient die Injektion um einen Tag überlebt – auch nur um einen tag!
00:16:37: Ist Arschmalin im Körper nicht mehr nachweisbar?
00:16:40: Das ist keine Theorie.
00:16:41: Das ist der Grund, warum so viele von Högelfällen nie beweisbar waren.
00:16:46: Exhumierungen wurden angeordnet bei mehreren Opfern und in den meisten Fällen wurde kein Arschmarlin gefunden.
00:16:53: Es ist nicht so, dass es nicht da war.
00:16:55: Aber die Zeit seitdem es initiiert wurde, ist einfach viel zu lang gewesen.
00:17:00: Das ist schon lange abgebaut.
00:17:03: Selbst bei Opfern, die unmittelbar nach der Injektion gestorben sind, ist der Nachweis schwierig.
00:17:08: Arschmalin und seine Metaboliten, also Abbauprodukte müssen gezielt gesucht werden mit spezifischen toxikologischen Analyse-Methoden.
00:17:17: Flüssigkeitschromatografie gekoppelt mit Massenspektrometrie.
00:17:21: LCMS Das ist eine sehr präzise Methode, aber sie muss auch angewendet werden.
00:17:27: Und das kostet Zeit und Geld, so was anzuordnen.
00:17:32: Jemand muss vor allen Dingen auf die Idee kommen.
00:17:35: Genau da liegt die Crux, wenn ein Patient auf einer Intensivstation stirbt, wo hat mit niemand routinemäßig ne toxikologische Vollanalyse an?
00:17:44: Der Tod wird im Grundleiden zugeschrieben!
00:17:47: Der Arzt unterschreibt den Totenschein – und die Leiche wird beigesetzt.
00:17:51: Das Fenster für den Nachweis schließt sich oft innerhalb von wenigen Stunden.
00:17:56: Es gibt noch einen weiteren Aspekt, den ich gewissermaßen faszinierend finde aber im absolut schaurigsten Sinne – Arschmalien wird normalerweise unter EKG-Kontrolle verabreicht!
00:18:07: Langsam intravenös mit Defibrillationsbereitschaft weil die Ärzte wissen wie gefährlich eine Überdosis ist.
00:18:15: Högel hat das in einer dunklen Patientenkammer gemacht ohne EKG-Kontrolle, ohne Notfallausrüstung bereit.
00:18:21: Und mit voller Absicht!
00:18:26: Was hätte geholfen und wann wäre es zu spät gewesen?
00:18:30: Was hätte gehäufen und was wäre möglich
00:18:31: gewesen?!
00:18:32: Und hier wie die Geschichte auf eine besondere Art bitter.
00:18:35: Anders als bei Schwermetallvergiftungen gibt's bei einer Arschmalinüberdosis keine Arttherapie, keine Schelartherapie kein spezifisches Antidot das die Substanz neutralisiert.
00:18:46: Die Behandlung ist rein symptomatisch.
00:18:48: Das heißt, das Herz muss stabilisiert werden.
00:18:51: Der Rhythmus muss wiederhergestellt und der Kreislauf aufrecht erhalten werden.
00:18:56: Und das bedeutet Reanimationen, Defibrillation, Medikamente zur Kreislaufstabilisierung.
00:19:02: Genau das was auf einer Intensivstation zur Verfügung steht.
00:19:07: Und genau das was Nils Högel selbst durchgeführt hat.
00:19:11: Er hat die einzige Therapie, die gegen das was er tat helfen konnte selbst in der Hand gehalten.
00:19:17: Er hat entschieden, wer sie bekommt und wie ernsthaft.
00:19:20: er hat die Lage erzeugt und dann den Retter gespielt.
00:19:24: Das ist keine medizinische Beobachtung das ist ein psychologisches Bild dass sich nicht einfach so stehen lassen kann.
00:19:32: Es gibt eine Art von Medizinischem Täter Typ für den es einen begriff gibt Den sogenannten Münchhausen bei Proxy oder in diesem professionellen Kontext Hero's Syndrome Gelegentlich auch Angel of Death-Muster genannt in der internationalen Literatur.
00:19:47: Der Täter erschafft die Krise, um als Retter zu klänzen.
00:19:51: Das ist kein Einzelfall in der Medizingeschichte.
00:19:53: Wir werden ähnliche Muster in späteren Folgen noch sehen und hören Aber das ändert nichts an der grundlegenden Wahrheit.
00:20:00: Die Therapie war da!
00:20:02: Das Wissen war da Und die Ausrüstung war auch da.
00:20:06: Sie waren nur in den falschen Händen.
00:20:11: Ich möchte nochmal mit einer Zahl anfangen.
00:20:16: Das ist die Zahl der Striche hinter Nils Vögel's Namen auf dieser handschriftlichen Liste aus dem Jahr two-thausend und eins.
00:20:23: Achtzehnmal war er in unmittelbarer Nähe, wenn etwas schief ging.
00:20:27: Achzehn Mal Reanimation.
00:20:29: Ach zehn mal Kreislaufzusammenbruch.
00:20:32: Ach zehn Mal Tod Hinter allen anderen Namen auf der Station null Eins vielleicht zwei.
00:20:39: Diese Liste hat existiert und sie lag einfach in einer Schublade Und Nils Högel hat danach noch vierzehn Jahre lang gemordet.
00:20:47: Ich sag das nicht, um zu dramatisieren – ich sage es weil diese Zahl alles ist was man über das Systemversagen in diesem Fall eigentlich wissen muss bevor wir überhaupt anfangen die Einzelheiten auseinanderzunehmen.
00:21:01: Die Kollegen fangen wir bei denen an die am nächsten dran waren.
00:21:06: Högels Kollege Frank Lauchstermann meldet bereits im Jahr zweitausend dem stellvertretenden Stationsleiter seinen Verdacht.
00:21:13: Er sagt konkret, er glaube das Högelpatientenbewusst schädigt.
00:21:17: Das ist kein wages Unbehagen!
00:21:19: Das ist eine klare Aussage.
00:21:21: Und was passiert?
00:21:22: Nichts.
00:21:23: Andere Kollegen bemerken das Muster Die sinkenden Zahlen während seiner Krankmeldung die steigende Rate wenn der wieder da ist.
00:21:30: Sie geben ihm einen Spitzname Rettungs Rambo.
00:21:33: später in Delmenhorst kommt ein zweiter dazu Sensenhögel.
00:21:38: sie haben Spitznamen für das was er tut und sie schweigen.
00:21:42: Ich will das nicht einfach verurteilen, denn ich glaube es ist komplizierter als Feigheit.
00:21:46: In einem Krankenhaus in einer Schicht und einem Team jemanden schwer zu beschuldigen ist keine kleine Sache!
00:21:51: Man braucht Beweise man riskiert selbst seinen Job... ...man riskiert das Verhältnis zu diesem Kollegen.... ...man riskiert als denunziant zu gelten.
00:22:00: Das Schweigen hat viele Gesichter und nicht alle davon sind böse aber am Ende sind Menschen gestorben und das Schweigen.. ..hat dazu beigetragen.
00:22:11: Die Klinikleitung Hier wird es wirklich schwerer zu entschuldigen.
00:22:16: Im September, die Klinikleitung Oldenburg verliert das Vertrauen in Högel.
00:22:21: Sie wissen oder ahnen es stark – was auf ihrer Station passiert ist?
00:22:26: Die Endliste existiert!
00:22:28: Die Zahlen existieren!
00:22:30: Die Krankmeldung und der anschließende Rückgang der Todesfälle existieren.
00:22:35: Ihre Entscheidungen informieren nicht die Polizei.
00:22:37: Sie leiten keine interne Untersuchung ein.
00:22:42: Stattdessen bieten sie Nils Högel drei Monats-Gehälter an und ein Arbeitszeugnis.
00:22:47: Er habe zur vollsten Zufriedenheit gearbeitet Und mit diesem Zeugnis fährt der Nils högel zur nächsten Klinik, bewirbt sich da nach Delmenhorst und mordet weiter.
00:22:57: Der damalige Geschäftsführer der Oldenburger Klinika hat später zugegeben Es gab im Haus Leute die der Überzeugung waren dass Högel Patienten geschädigt hat aber man habe nicht unnötig Aufruhr erzeugt wollen Nicht unnötig aufruhr.
00:23:14: Der Polizeipräsident von Oldenburg hat die Einschätzung geäußert, dem Klinikum sei der Ruf des Hauses wichtiger gewesen als die Aufklärung der Todesfälle und ich lass das mal so stehen.
00:23:26: Es gibt noch ein Detail, dass sich euch nicht vorenthalten möchte.
00:23:29: Im späteren Prozess stellte sich heraus Die Klinik Oldenburger hatte von der klinik bezahlten Zeugenbeistände eingesetzt Und diese sollen offenbar versucht haben Mitarbeiter vor deren Aussagen zu beeinflussen.
00:23:44: Das ist keine Schlamperei mehr, das ist eine aktive Behinderung der Aufklärung.
00:23:50: Die Justiz!
00:23:53: Als Högel in Delmenhorst auf frischer Tat ertappt wird beginnen die Ermittlungen – gut.
00:24:00: Aber die Staatsanwaltschaft Eulenburg erklärt öffentlich es gebe keine Hinweise auf Zusammenhänge mit anderen Todesfällen.
00:24:07: Gleichzeitig drängen Ermittler aus Delmenhurst von Anfang an weitergehende Untersuchungen.
00:24:13: einer von ihnen Mannfried Beuchers sagt später vor Gericht, mein Kollege und ich haben gleich zu Beginn der Ermittlung auf weitere Exhumierungen gedrungen.
00:24:22: Wir hatten diesen Fall schon in vollem Umfang aufgearbeitet.
00:24:29: Sie wurden nicht gehört.
00:24:31: Protokolle und Listen mit Todesfällen aus dem Klinikum Oldenburg wurden erst lange nach dem ersten Mordurteil von Jahrzehnten an die Ermittler weitergegeben – fast zehn Jahre zu spät!
00:24:43: Das bedeutet, die Chance den vollen Umfang der Mordserie früher aufzuklären.
00:24:48: Sie hat existiert!
00:24:50: Sie wurde nur nicht genutzt.
00:24:57: Ich möchte noch eine Ebene tiefer gehen.
00:24:59: Weil ich glaube, dass dieser Fall kein Ausreißer ist.
00:25:02: Er ist ein Symptom.
00:25:04: Krankenhäuser sind iraschische Systeme.
00:25:07: Ärzte und Pflegepersonal arbeiten unter enormem Druck.
00:25:10: Personalmange, Schichtdienst, Überlastung ... In solchen Strukturen entsteht eine Kultur des Funktionierens.
00:25:16: Hauptsache der Betrieb läuft, hauptsache keine Störung, hauwptsache kein Aufruhr.
00:25:21: Whistleblowing also das interne oder externe Melden von Missständen war und ist in Deutschland rechtlich schlecht geschützt?
00:25:30: Wer damals nach außen gegangen wäre hätte gravierende arbeitsrechtliche Konsequenzen riskiert.
00:25:35: Das ist kein hypothetisches Risiko!
00:25:37: Das ist strukturelle Realität.
00:25:40: Und dann ist da noch die Frage der Totenscheine.
00:25:43: In Deutschland wird bei einem Todesfall im Krankenhaus nicht routinemäßig eine toxikologische Analyse angeordnet.
00:25:49: Der Arzt beurteilt die Situation, trägt die wahrscheinliche Todesursache ein und der Fall ist abgeschlossen.
00:25:56: Das ist in den allermeisten Fällen absolut angemessen aber es bedeutet eben auch einen Täter innerhalb des medizinischen Systems agiert, der die Todes- ursachen kennt und gezielt nutzt hat strukturelle Unsichtbarkeit eingebaut.
00:26:10: Nils Högel hat das nicht erfunden Er hat es schlichtweg ausgenutzt.
00:26:17: Am Ende dieses Falles steht eine Frage, auf die ich keine befriedigende Antwort habe.
00:26:22: Wie viele der dreihundertdreißig untersuchten Fälle waren tatsächlich seine Opfer?
00:26:27: Wir werden es nie wissen!
00:26:28: Das Zeitfenster für den Arschmalin-Nachweis ist geschlossen – Die Leichen sind beigesetzt oder verweste.
00:26:33: Die Erinnerungen sind verplast und wurden aktiv unterdrückt.
00:26:39: Dreihundertzweiunddreizig Menschen Familien, die nie eine Antwort bekommen.
00:26:44: Und irgendwo darin steckt für mich eine sehr persönliche Frage, die ich nicht ganz loswerden kann.
00:26:49: Wenn jemand im Krankenhaus stirbt und die Umstände nie vollständig aufgeklärt werden?
00:26:54: Wann hört man auf zu fragen – wann reicht es was man
00:26:57: weiß?!
00:26:58: Ich weiß es selbst nicht!
00:27:00: Ich glaube, man hört aber auch nie auf.
00:27:05: Die offenen Fragen Was bleibt offen?
00:27:10: Vieles mehr als bei den meisten Fällen.
00:27:13: Die Zahl der tatsächlichen Opfer wird nie feststehen Und sie ist für immer unerreichbar.
00:27:26: Die Halbwertszeit von Arschmarlin hat dafür gesorgt, das Schweigen hat dafür besorgt, die Jahre, die vergangen sind bevor jemand wirklich gesucht hat haben dafür
00:27:35: gesorgt.".
00:27:37: Dann ist da der Prozess gegen die Kollegen und Vorgesetzten.
00:27:40: Vier ehemalige Mitarbeiter wurden wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt.
00:27:43: Das Verfahren war komplex – die Urteile umstritten!
00:27:46: Aber die eigentliche Frage, die dieser Prozess aufgeworfen hat lässt sich juristisch gar nicht vollständig beantworten.
00:27:51: Ab wann wird schweigen zur Mitschuld?
00:27:53: Das Recht hat darauf eine Antwort versucht.
00:27:56: aber die moralische Frage bleibt offen für jeden der diesen Fall kennt, für jeden den er in einer Institution arbeitet, Für jeden der schon einmal etwas gesehen hat und nicht wusste ob er reden soll.
00:28:07: Und schließlich Nils Högel selbst.
00:28:10: Er hat gestanden, er hat im Prozess ausgesagt.
00:28:12: Er hat Einblicke in seine Beweggründe gegeben Langeweile, Geltungssucht, den Hunger nach dem Adrenalin der Reanimation.
00:28:19: Aber ob das die vollständige Wahrheit ist?
00:28:21: Ob das alles erklärt?
00:28:23: Das weiß niemand!
00:28:25: Ich glaube nicht, dass er es selbst vollständig versteht.
00:28:29: Manche Fragen haben keine Antworten – nur Schichten.
00:28:33: Was bleibt von diesem Fall?
00:28:36: Vielleicht… Dass irgendwo in Wilhelmshaven oder Oldenburg oder Delmenhorstes Familien gibt, die für den Rest ihres Lebens nichts sicher wissen ob ihr Vater, ihre Mutter, Ihr Großvater wirklich an seinem Grundleiden gestorben ist.
00:28:51: Oder ob er in einem Montagabend in der Nachtschicht ein Mann begegnet ist, der einen Herzmedikament in eine Pumpe gespritzt hat – dieses Nichtwissen deiner eigene Form von Schaden, einer die keine Verurteilung heilen kann!
00:29:07: Nils Högel sitzt in Haft lebenslang, besondere Schwere der Schuld.
00:29:12: Das Urteil des BGH ist
00:29:13: rechtskräftig.".
00:29:15: Das Klinikum Oldenburg existiert weiter.
00:29:18: Die Krankenhäuser existieren weiter, der Pflegeberuf existiert wieder ausgeübt von hunderttausenden Menschen, von denen nahezu alle genau das tun, wofür der Beruf gedacht ist – Leben retten!
00:29:30: Das ist wichtig zu sagen.
00:29:32: dieser Fall ist eine extreme Ausnahme aber er ist eben auch ein Spiegel für Strukturen die Ausnahmen möglich machen wenn niemand hinschaut.
00:29:40: Ich habe in dieser Folge über einen Krankenhaus gesprochen, über ein System dass geschwiegen hat Über eine Klinikleitung, die den Ruf des Hauses über das Leben von Patienten gestellt hat.
00:29:49: Ich habe auch über meine eigene Geschichte nachgedacht während ich recherchiert habe.
00:29:52: Über offene Fragen, die ich selbst habe und nie beantworten werde.
00:29:55: Über Momente wo das System hätte eingreifen können.
00:29:58: Ich sage es nicht um irgendwie Mitleid zu erzeugen.
00:30:01: Weil ich glaube dass dieser Podcast und Fälle wie dieser nur dann einen Sinn ergeben wenn sie über das Spektakuläre hinaus etwas berühren.
00:30:09: Eine Frageaufwärfe die bleibt Und für mich ist es diese.
00:30:14: Wie viel Vertrauen verdient ein System, das gelernt hat, wegzuschauen?
00:30:18: Ich hab keine Antwort!
00:30:20: Aber ich höre nicht aufzufragen.
00:30:24: Nächste Woche verlassen wir Deutschland.
00:30:26: Wir gehen nach London, in einen Hotelzimmer zu einem Mann, der langsam stirbt und der das selbst am genauesten weiß.
00:30:37: Zu einer Substanz, die so selten, so gezielt und so unmissverständlich ist dass ihr nicht nur einen Menschen tötet, sondern eine Botschaft sendet.
Neuer Kommentar