Der Pausenbrot-Killer
Shownotes
In dieser Folge: **Der Fall: **Die Firma Ari in Schloß Holte-Stukenbrock. Klaus O., Schlosser, Familienvater. Jahrelange Vergiftungen. Ein aufmerksamer Werkstudent, eine versteckte Kamera, eine Festnahme. Der Prozess 2018/19, das Urteil: lebenslang mit Sicherungsverwahrung.
Die Chemie: Bleiacetat, Quecksilber (insbesondere organische Verbindungen), Cadmium. Warum alle drei kumulativ wirken. Wie sie im Körper Schaden anrichten. Warum das klinische Bild so lange nach nichts Spezifischem aussieht.
Der Nachweis: ICP-MS als forensische Methode. Warum die Werkzeuge da waren und trotzdem niemand gesucht hat.
Die Therapie: Chelattherapie bei Blei und anorganischem Quecksilber. Warum organische Quecksilberverbindungen eine andere, fast hoffnungslose Kategorie sind. Warum Cadmium bis heute keine wirksame Behandlung kennt.
Opfer in dieser Folge: Nick N.: Werkstudent, 26 Jahre alt, gestorben 2020 an den Folgen der Vergiftung Udo: überlebend, dauerhafter Nierenschaden, Dialyse
Quellen und weiterführende Informationen:
Urteil Landgericht Bielefeld, März 2019 BGH-Bestätigung 2020
Feedback, Fragen, Fallvorschläge: timo@dr-timo-schueler.de
Transkript anzeigen
00:00:07: Willkommen bei Tötliche Verbindungen, dem True Crime Podcast mit Dr.
00:00:12: Thimo Schühler.
00:00:15: Es ist kurz nach halb sieben – die Frühschicht hat gerade begonnen!
00:00:19: In der Kantine des kleinen Armaturenherstellers im ostfestfälligen Schloss Holte Stukenbrock riecht es nach Kaffee und dem leicht metallischen Geruch von Maschinenöl, der sich in die Wände eingefressen hat.
00:00:31: Männer in Arbeitskleidung öffnen ihre Brotdosen, reden über das Wochenende, Über gar nichts.
00:00:39: Es ist ein Morgen wie jeder andere.
00:00:42: Udo stellt seine Dose auf den Tisch, Vollkornbrot, ein bisschen Käse und eine Tomate.
00:00:49: Seine Frau packt es in jeden Morgen ein.
00:00:52: Er nimmt den ersten Bissen – das Brot schmeckt wie immer!
00:00:57: Vielleicht ein kleines bisschen ... König?
00:01:00: Ein leichtes Kratzen, kaum der Rede wert.
00:01:03: Vielleicht hat die Frau heute mal ein anderes Gewürz genommen, ein anderes Salz.
00:01:07: Vielleicht ist es der Käse ….
00:01:09: er kaut Schluckt, greift nach seinem Kaffee, winzige Kristalle aufgelöst auf der Zunge und damit spurlos verschwunden.
00:01:21: Und doch nicht spurlos!
00:01:24: Denn was Udo nicht weiß – das könnige Gefühl hat einen Namen eigentlich sogar drei.
00:01:30: Gleier-Zitat, Quechselber Katmium.
00:01:35: Substanzen die sein Körper ab jetzt still und geduldig sammeln wird in seinen Nieren, seinem Blut in den Enden seiner Nerven.
00:01:45: Ohne Alarm, ohne Schmerz!
00:01:47: Zunächst erahnt nicht das jemand an diesem Brot war.
00:01:53: Er ahnt auch nicht dass dieser Jemand direkt neben ihm sitzt und er ahnt nicht, dass dieser Morgen wie Hunderte morgen vor ihm ihn ein kleines Stück tötet.
00:02:09: Noch einmal herzlich willkommen bei Tödlicher Verbindung.
00:02:13: In diesem Podcast schauen wir auf Fälle, bei denen Chemie, Medizin oder Biologie keine Randnotiz sind.
00:02:18: Sondern die eigene Geschichte!
00:02:19: Heute beginnen wir in Bielfeld mit einem Mann der jahrelang unbemerkt tötet – mit eben drei Substanzen, die du vielleicht aus dem Chemieunterricht kennst und mit der Frage, die mich an diesem Fall am meisten beschäftigt?
00:02:31: Nicht wer nicht wie sondern warum hat es so lange gedauert bis es jemand gemerkt hat?
00:02:37: Bevor wir tiefer in den Fall einsteigen möchte ich kurz erklären, warum ihr dieses Thema Nicht egal ist.
00:02:43: Ich hab beide Eltern verloren!
00:02:45: Ich werde euch diese Geschichten nicht vollständig erzählen können, zu vieles ist dabei unklar.
00:02:50: Zu vieles wurde damals nicht untersucht und genau das dieses Nicht-Wissen, dieses Fehlend von Antworten hat mich hierher gebracht – zu Fällen in denen Substanzen töten.
00:03:00: Manchmal mit Vorsatz, manchmal aus Fahrlässigkeit, weil niemand genau hingeschaut hat.
00:03:07: Das sind tödliche Verbindungen.
00:03:13: Der Fall Schloss Holte Stupenbrock.
00:03:17: Falls ihr den Ort nicht kennt, dann kennt ihr vielleicht das Safari-Land.
00:03:21: Da war ich sogar mal als Kind mit meinen Eltern und meinem Verwandten.
00:03:25: Es ist jedenfalls eine kleine Stadt im Kreis Gütersloh – östlich von Bielefeld, ungefähr ca.
00:03:31: zu ca.
00:03:31: um zwanzigtausend Einwohner.
00:03:32: Und dass es die Art von Ort über den man neben dem Safari- Land eigentlich keine Reportage schreibt, wo die Leute morgens zur Arbeit fahren abends zurückkommen und seit Jahrzehnten.
00:03:44: Einer dieser Leute ist Klaus Ohr.
00:03:47: Erst Schlosser, Familienvater – unauffällig!
00:03:51: Der Typ Mensch über den Nachbarn später sagen ….
00:03:53: Also ich hätte ja niemals gedacht… Was mich übrigens jedes Mal aufs Neue fasziniert weil ich mich persönlich selber frage was hätte man denn denken sollen?
00:04:02: Gibt's so ein typisches Gesicht für das was er getan hat?
00:04:05: Wahrscheinlich nicht.
00:04:07: aber dazu kommen wir noch.
00:04:09: Jedenfalls Klaus O. arbeitet seit Jahren bei der Firma Ari Einem Amaturnhersteller.
00:04:14: Amaturen, Ventile, Rohranschlüsse Nicht klamorös aber solide.
00:04:20: Eine Werkstatt eine Kantine ein Pausenraum Kollegen die sich kennen, die sich grüßen Die vielleicht zusammen Karten spielen Fußball schauen Und irgendwann Niemand weiß genau wann fängt Klaus Oh an seine Kollegen zu vergiften.
00:04:40: Die genaue Zeitlinie ist bis heute nicht vollständig rekonstruiert.
00:04:44: Das LKA hat später die Krankheits- und Todesfälle in der Firma ab dem Jahr zweitausend untersucht, ab zwei tausend zwanzig Jahre lang!
00:04:52: Das bedeutet es ist möglich dass Klaus Ohr fast zwei Jahrzehnte lang unentdeckt geblieben ist.
00:04:58: Ich sage möglich weil bewiesen ist das nicht.
00:05:00: aber allein die Tatsache dass diese Frage überhaupt im Raum stand sagt eigentlich schon alles Was wir wissen, mehrere Kollegen werden über die Jahre immer kränker.
00:05:10: Nierenschäden, neurologische Symptome.
00:05:13: Erschöpfung – Dinge, die sich nach allem Möglichen anfühlen.
00:05:17: Stress, Alter, schlechte Ernährung ... Niemand kommt auf die Idee, dass die Kantine das Problem sein könnte oder genauer gesagt der Mann, der da jeden Tag am Tisch sitzt.
00:05:29: Aber dann ist da nick!
00:05:35: Am Anfang seines Lebens.
00:05:37: Nick bemerkt eines Tages ein verdächtiges Pulver auf seinem Pausenbrot.
00:05:43: Er könnte es ignorieren, die meisten würden es wohl ignorieren Aber Nick geht damit zu seinen Vorgesetzten und das ist der Moment der dann alles verändert.
00:05:54: Das LKA installiert eine Kamera im Pausenaum unauffällig klein Und dann warten sie ab.
00:06:01: Knapp eine Woche später läuft die Kamera.
00:06:04: Klaus-O betritt den Pausenraum.
00:06:07: Schaut sich kurz um, schaut nach Legens, schaut rechts und greift dann ruhig und vor allen Dingen routiniert als wäre es das Normalste der Welt nach dem Pausennprozed eines Kollegen.
00:06:20: Ich muss kurz innehalten bei diesem Bild.
00:06:21: Routiniertes ist das Wort dass mich nicht loslässt.
00:06:24: Das war kein Impuls, keine Ausraster, das war Routine Eine Art von Tätigkeit die man eben hunderte wenn ich tausende mal gemacht hat.
00:06:32: Und dieser Mann Klaus O Hat es genauso routiniert getan, dass es für ihn eben keine große Sache mehr war.
00:06:40: Noch am selben Tag wird Klaus Ohr festgenommen.
00:06:44: Bei der Durchsuchung seines Hauses finden die Ermittler ein heimisches Giftlabor.
00:06:48: Substanzen, die er sich und das ist der Teil, den mich ebenfalls als jemand mit naturwissenschaftlichem Hintergrund wirklich beschäftigt einfach im Internet bestellt hat.
00:06:57: Blei hat Zitat Quechselber Katmium frei verfügbar wenn man nur weiß wo man sucht.
00:07:02: Darüber werden wir auch noch genauer reden.
00:07:06: Der Prozess beginnt im November, vor dem Landgericht Bielefeld.
00:07:10: Klaus Ohr schweigt – bestreitet alles!
00:07:13: Durch seine Anwälte.
00:07:15: Schweigt aber selbst.
00:07:17: Das Überwachungsvideo lässt ihm keinen Spielraum.
00:07:19: Aber ein Geständnis?
00:07:21: Eine Erklärung?
00:07:22: Irgendwas das Sinn
00:07:23: ergibt?!
00:07:23: Das kommt nicht….
00:07:25: Der Vorsitzende Richter sagt bei der Urteilsverkündung einen Satz den ich euch nicht vorenthalten möchte.
00:07:30: Bei ihnen wurden Stoffe gefunden die gefährlicher sind als Kampfstoffe, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden.
00:07:37: Im März-Zweißen-Ninzehn lebenslanger Haft – Sicherungsverwahrung.
00:07:42: Der BGH bestätigt das Urteil-Zwei-Tausendzwanzig.
00:07:46: Nick überlebt die Festnahme von Klaus O. zunächst fällt aber ins Wachkoma und steht Zwei-tausend zwanzig an den Folgen seiner Vergiftungen.
00:07:56: Er war gerade einmal sechsundzwanziger Jahre alt.
00:07:59: Udo der Mann aus unserem Einstieg lebt Aber seine Nieren sind dauerhaft geschädigt.
00:08:06: Das Arbeitsgericht spricht ihm später fünfhunderttausend Euro Schmerzensgeld zu, Geld das wie der Richter selbst sagt kein vergleichbaren Fall in der deutschen Justizgeschichte als Maßstab hat und das Motiv ist bis heute ungeklärt.
00:08:20: die Staatsanwaltschaft geht davon aus dass Klaus Oh das Leiden seiner Kollegen genießen wollte.
00:08:26: Das langsame Sichtum den Verfall vor seinen Augen.
00:08:30: ob das stimmt wissen wir nicht.
00:08:32: Klaus Ohr hat es nie bestätigt.
00:08:34: Und das, finde ich ist fast das Unheimlichste an diesem ganzen Fall.
00:08:43: Kommen wir zu dem Teil der mich persönlich am meisten an diesem Fall fasziniert und ich verspreche euch ihr müsst keine Chemiker sein um das zu verstehen.
00:08:51: Ihr müsst nur kurz mit mir mittenken.
00:09:00: Das sind drei verschiedene Gifte, aber mit einer gemeinsamen Logik.
00:09:03: Und diese Logik erklärt, warum er auch so lange unentdeckt geblieben ist!
00:09:08: Fangen wir mit dem an was alle drei gemeinsam haben – es sind alles drei Schwermetalle.
00:09:13: Genauer gesagt Schwermetallverbindungen und Schwermethale hat meine Eigenschaft die sie aus Täter Perspektive fast perfekt macht.
00:09:22: Die verschwind nämlich nicht einfach.
00:09:25: Euer Körper kann mit vielen Giften umgehen, Alkohle als Beispiel.
00:09:29: Die Leber baut diesen Alkohol ab, ihr schlaft es aus.
00:09:32: Am nächsten Morgen ist er weg.
00:09:34: Vielleicht gibt's den Kater?
00:09:37: Aber mir auch nicht!
00:09:38: Bei Schmerzmitteln ist das ähnlich – der Körper erkennt diese, verarbeitet sie und scheidet sie wieder aus.
00:09:43: Schwermetalle sind dabei anders.
00:09:46: Euer Körper hat keinen wirklichen Plan für die.
00:09:48: Er kennt sie teilweise als etwas anderes als Mineralien, als Nährstoffe oder Bausteine, die er kennt.
00:09:55: Und dann lagert er sie ein in den Nieren, in den Knochen Aber auch im Nervengewebe.
00:10:01: Nicht weil er das will, sondern weil er nicht weiß was er sonst damit tun soll oder sich das Schwermetall als etwas anderes quasi verkleidet wenn man so will und da liegt es eigentlich tückische.
00:10:12: die Wirkung kommt nicht sofort Die addiert sich.
00:10:15: Jedes vergiftete Pausenbrot legt eine neue Schicht wie so ein Zinseszins nur eben in die falsche Richtung.
00:10:24: aber schauen wir uns mal die drei Substanzen einzeln an Blei und seine Verbindungen.
00:10:29: Pleyacetat ist ein lösliches Bleisalz.
00:10:32: Das bedeutet, es löst sich in Wasser ins Speichel im Mageninhalt und gelangt problemlos in die Blutbahn.
00:10:39: Historisch hat Pley Acetat übrigens einen anderen Namen – Pleizucker!
00:10:44: Und dieser Name kommt nicht von ungefähr.
00:10:46: PleyAcetat schmeckt tatsächlich leicht süßlich und die Römer haben es als Süßungsmittel in Wein verwendet, und zwar in erheblichen Mengen.
00:10:54: Wein wurde in Bleiggefäßen gekocht, Bleirohre leiteten das Trinkwasser durch die Stadt.
00:11:00: Was im Rückblick erklärt, warum unter der römischen Oberschicht auffallend viele Menschen an merkwürdigen Symptomen litten.
00:11:07: Lähmungen, extreme Reizbarkeit – was man damals schlicht als Geisteskrankheit bezeichnete.
00:11:13: Historiker diskutieren bis heute ob chronische Bleivergiftung einen messbaren Einfluss auf das Verhalten Römischer Kaiser hatte?
00:11:21: Da seien du mal an Caligula, Nero, Komodus erinnert.
00:11:25: Ob das stimmt weiß niemand mit Sicherheit aber die Exposition war real und die Symptome passen.
00:11:31: Aber ja ich merke grad dass mein ADHS mich wieder gleich vollständig ins antige rumzieht.
00:11:37: Das ist tatsächlich ein Thema für eine ganz eigene Folge.
00:11:40: Also zurück zu Klaus Ohr und den drei Substanzen Und zurück zu Blei Erzitat.
00:11:45: Im Körper verdrenkt Blei vor allem zwei Mineralstoffe Kalzium und Zink.
00:11:51: Kalzum ist eben nicht nur für unsere Knochen wichtig, das ist das erste was einem immer einfällt wenn man kalzium hört.
00:11:57: Kalzem ist ein zentraler Signalstoff in Nervenzellen.
00:12:01: Wenn Pley Kalzuum verdrängt dann beginnen Nervencellen falsche Signale zu senden.
00:12:06: Das führt an eben zur Konzentrationsprobleme, zu kribbeln und im schlimmsten Fall Lähmungen.
00:12:11: Gleichzeitig greifen die Nieren an weil sie versuchen des Pley auszuschalten und dabei Selbstschaden nehmen.
00:12:17: Es gibt übrigens auch einen klinischen Hinweis, den aufmerksame Ärzte manchmal wirklich sehen können.
00:12:23: Nämlich so eine blau-graue Linie am Zahnfleischrand und das ist der sogenannte Burntensaum.
00:12:29: Pleisulfit lagert sich nämlich dort ab – und dass es sichtbar wird bloß im Auge!
00:12:34: Ein winziges Detail, das die ganze Geschichte erzählt… wenn man weiß, wonach man suchen muss.
00:12:41: Quecksilber und seine Verbindungen.
00:12:43: Quecksilber ist das Gift, was Nick ins Wachkoma gebracht hat.
00:12:47: Aber hier wird die Geschichte noch eine Spur dunkler.
00:12:51: Denn Claus Ohr hat nicht einfach irgendeine Wechselberverbindung genommen.
00:12:55: Aus dem, was im Prozess bekannt wurde entstand das Bild eines Mannes der verschiedene Verbindungen ausprobiert hat – systematisch um zu sehen welche am besten wirkt!
00:13:09: Das ist ein weiterer Moment wo ich kurz innehalten muss weil es eben nicht mehr nur Gift ist.
00:13:13: Es ist ein Experiment mit Menschen als Versuchsobjekten.
00:13:17: Aber kommen wir kurz zur Chemie, damit ihr versteht warum das relevant ist.
00:13:22: Quechsilber existiert in verschiedenen Formen und diese Form sind alles andere als gleichwertig.
00:13:28: Elementares QuechSilber – das flüssige Metall, dass ihr vielleicht aus alten Thermometern kennt!
00:13:33: Das ist oral aufgenommen erstaunlich wenig giftig.
00:13:37: Der Körper nimmt das kaum auf.
00:13:40: Anorganische Quech Silbersalze sind dabei schon deutlich gefährlicher.
00:13:45: die greifen mich vor allem den Nieren an.
00:13:47: Am schlimmsten sind aber organische Quecksilberverbindungen.
00:13:50: Das ist eine ganz andere Kategorie – Methylquexilber, Dimethylqueksilber!
00:13:56: Diese Verbindungen sind fettlöslich und das bedeutet sie passieren problemlos die Zellmembranen.
00:14:02: Sie überwinden die Plutierschranke und gelangen so direkt in unser Nervensystem und in unser Gehirn.
00:14:09: Der LKA-Sachverständige erwähnte im Prozess «Dimethylkexilberexplizit».
00:14:14: Mit einem Beispiel, das ich euch nicht vorenthalten möchte und dass man auch sehr oft in Chemie-Einführungsvorlesungen eben hört.
00:14:23: Drei Tropfen mit Dimethylkweckselber auf einem Laborhandschuh haben eine US-amerikanische Schemikerin getötet.
00:14:31: Dreitropfen!
00:14:33: Und die Symptome draten erst drei Monate oder mehrere Monate später auf... ...und im Gegenmittel gibt's dazu nichts.
00:14:41: Und genau das diese Organokwechselberverbindungen, das sind die Verbindungen mit der Nick vergiftet wurde.
00:14:50: Eine hochtoxische Quechselberverbindung – so die offizielle Formulierung aus dem Urteil!
00:14:55: Die irreparablen Hirnschäden des Wachkoma, der Tod drei Jahre später… Das ist der Endpunkt einer organischen Quechsellbervergiftung.
00:15:03: Katmium Katmarium ist in gewisser Weise das unauffälligste der Drei was es nicht weniger gefährlich macht sondern auf seiner ganz eigene Art gefährlicher.
00:15:13: Cardmium verhält sich im Körper ähnlich wie Zink und Zink ist ein essentielles Spurenelement, das euer Körper für hunderte von enzymatischen Prozessen braucht.
00:15:23: Und das Problem?
00:15:24: Cardmum sieht für bestimmte Transportproteine aus wie Zinc – es wird also aktiv aufgenommen und eingelagert!
00:15:31: Die Halbwertszeit vom cardmiumem menschlichen Körper beträgt dabei ungefähr zehn bis dreißig Jahre.
00:15:37: Was einmal drin ist bleibt….
00:15:40: Das Hauptzielorgan sind Dinieren.
00:15:42: Udo leidet bis heute an den Schäden, muss mehrmals pro Woche an die Dialyse.
00:15:47: Eine kleine Randbemerkung, die ich faszinierend finde und die man quasi auch im allerersten Praktikum eines Chemiestudiums lernt.
00:15:55: Da macht man den sogenannten Trennungsgang und muss einzelne Schwermetalle identifizieren.
00:16:00: Und Cardmium kann man prima dadurch identifiziert werden, dass es in einer Verbindung sehr hellgelb leuchtend ist – nämlich Cardmum-Sulfit!
00:16:11: Bei manchen Vergiftungsopfern lassen sich eben diese Schwermetallablagerung in Geweben nachweisen.
00:16:17: Was dann wieder ein stiller Beweis ist, dass sich Katmium ins Körpergewebe eingeschrieben hat.
00:16:23: Allerdings muss ich ehrlich sagen wie präzise das spezifisch für Kratmium an Zähnen nachweisbar ist.
00:16:28: also analog zu dem was ich zum Blei gesagt habe da bin ich mir nicht hundertprozentig sicher.
00:16:32: aber die Grundidee, dass der Körper diese Substanzen buchstäblich speichert und irgendwo sichtbar macht, die finde ich bemerkenswert.
00:16:39: Und dann alle Studenten im ersten Semester Chemie, die diesen wunderbaren Trennungsgang machen müssen.
00:16:45: Ihr seht auch dieses Wissen kann man später noch nutzen!
00:16:49: Also wenn man den Podcast macht zu Vergiftungserscheinungen also nicht dass ihr das selbst ausprobieren wollen würdet aber egal Die gemeinsame Logik.
00:17:02: Jetzt seht ihr warum Klaus o genau diese drei gewählt hat.
00:17:05: bewusst oder nicht Alle drei wirken kumulativ.
00:17:09: Alle drei erzeugen ein klinisches Bild, das nach allem Möglichem aussieht – Nierenprobleme Erschöpfung Neurologische Symptome.
00:17:16: Kein Arzt, der einen erschöpften Fabrikarbeiter mittlerer Alters sieht, denkt als erstes eine Schwermitteilvergiftung.
00:17:24: Und dann ist da noch dieser Gedanke den ich nicht los werde Klaus Oh war ein Schlosser!
00:17:29: Er war kein Chemiker, er war kein Mediziner.
00:17:32: Er hat sich das Wissen aus dem Internet zusammengesucht Die Substanzen online bestellt und ein Labor in seiner kleinen Küche eingerichtet.
00:17:40: Und er hat, wenn die Interpretation der Ermittler stimmt – methodisch getestet was am effektivsten wirkt!
00:17:47: Das sagt etwas über die Verfügbarkeit von Wissen.
00:17:50: Unfallsubstanzen?
00:17:54: Wie weist man das nach?
00:17:56: Das ist die Frage, die mich als jemand mit analytisch chemischem Hintergrund am meisten beschäftigt.
00:18:01: Schwermetalle lassen sich heute sehr präzise Nachweisen.
00:18:04: Mit einer Methode namens ICP-MS.
00:18:06: Das steht für Massenspektrometrie mit induktiv gekoppeltem Plasma, klingt unheimlich wissenschaftlich und komplizierter als es eigentlich ist.
00:18:13: Ihr schickt eine Probe durch ein extrem heißes Plasma das alle Moleküle in ihre Atome zerlegt – dann wisst ihr die Masse dieser Atomen!
00:18:21: Und damit könnt ihr Schwermetalle in einer Probenachweisung, die kleiner ist als ein Milliardsel Gramm pro Liter.
00:18:27: Die Methode ist unglaublich präzise.
00:18:30: Das Problem war aber nicht die Nachweismethode….
00:18:32: Das Problem war, dass niemand danach gesucht hat.
00:18:35: Weil niemand auf die Idee gekommen ist zu suchen und das ist vielleicht die eigentliche Lektion dieses Falls.
00:18:41: Die Wissenschaft hatte die Werkzeuge Wir lagen nur im Schank und wurden nicht genutzt.
00:18:49: Was hätte geholfen?
00:18:50: Und wann wäre es zu spät gewesen?
00:18:52: Stellen wir uns kurz eine andere Zeitlinie vor!
00:19:04: Pley erhöht, Katmium erhöht.
00:19:05: Quechselber erhöht!
00:19:07: Aber was dann?
00:19:08: Dann gibt es tatsächlich Optionen – sie heißen Schellarttherapie.
00:19:13: Das Prinzip ist elegant und gleichzeitig fast poetisch.
00:19:17: Man gibt im Körper eine Substanz die sich noch stärker an Schwermetalle bindet als das Körpergewebe selbst.
00:19:24: Und diese Substanz, der sogenannte Schellator greift die Metallion heraus, bildet mit ihnen einen wasserlöslichen Komplex.
00:19:34: Der Körper wird buchstäblich gespült.
00:19:37: Für Pley gibt es gut etablierte Schellatoren.
00:19:41: DMSA, die Merkaptrobernsteinsäure ist ein orales Medikament das Pley effektiv bindet und wieder ausscheidet.
00:19:48: Bei frühzeitiger Behandlungen lassen sich die Pley-Spiegel deutlich senken und weitere Erganschäden können verhindert werden.
00:19:54: Udos Nierenschäden wären möglicherweise geringer ausgefallen.
00:19:58: Für anorganisches Quecksilver gibt's ähnliche Ansätze.
00:20:01: DMPS ebenfalls einen Schilator, der Quechselber bindet und zu unserer Ausscheidung bringt.
00:20:06: Aber hier wird es tragisch!
00:20:09: Denn Klaus Ohr hat Nick nicht mit anorganischen Quechsilber vergiftet – er hat eine organische Quech-Silber-Verbindung verwendet ….
00:20:17: Und bei organischen Verbindungen besonders bei dimethylquech-silber versagt die Schilartherapie weitgehend….
00:20:24: Der Grund ist derselbe, der diese Verbindung so gefährlich macht — ihre
00:20:27: Fettlöslichkeit.".
00:20:29: Sie sind bereits tief im Nervengewebe, bereits hinter der Bluthirn-Schranke bevor die ersten Symptome auftreten.
00:20:35: Der Schellator kommt schlicht nicht mehr ran!
00:20:37: Das ist auch der Grund warum Karin Wetterhahn, die Chemikerin, die ich vorhin erwähnt hatte trotz intensiver Behandlung gestorben ist.
00:20:44: Die Substanz war längst im Gehirn als die Diagnose gestellt wurde.
00:20:49: Für Nick bedeutet das selbst wenn ein Arzt nach dem Ersten Krankenhaus Aufenthalt auf Wechselbar getestet hätte.
00:20:54: Die Frage ob eine Behandlungen etwas hätte ausrichten können Hängt davon ab, wann genau die Vergiftung stattgefunden hat.
00:21:02: Und das wissen wir nicht!
00:21:03: Und Katmium?
00:21:05: Das ist die bitterste Antwort von allen.
00:21:07: Es gibt bis heute keinen wirklich effektiven Schelator für Kattmium.
00:21:11: EDTA wird manchmal eingesetzt aber die Wirkung ist begrenzt und es besteht sogar das Risiko dass der Schelador Kattmium aus einem Depot löst unter den anderen Organe umverteilt bevor er es ausschalten kann.
00:21:22: Denieren schälen die Katmiam hinterlässt sind in weiten Teilen irreversibel.
00:21:26: Udo wird für den Rest seines Lebens zur Dialyse gehen.
00:21:30: Ich finde diese Perspektive wichtig, nicht um Hoffnung zu machen die es nicht gibt sondern weil sie zeigt was auf dem Spiel stand.
00:21:36: Früher Diagnose hätte für Udo möglicherweise einen Unterschied gemacht.
00:21:40: Für Nick muss man ehrlich sagen wahrscheinlich nicht.
00:21:43: Die Substanz die Klaus Ur gewählt hat war in dem Moment wo sie den Körper berührt hat bereits auf einem Weg den die Medizin kaum noch aufhalten kann.
00:21:52: Das macht die Frage nach der analytik nach dem suchen und finden Nicht kleiner.
00:21:57: Sie macht sie eher
00:21:57: größer.".
00:22:01: Die offenen Fragen.
00:22:03: Bevor wir zum Abschluss kommen, möchte ich kurz bei dem verweilen was wir nicht wissen und das ist mehr als man nach einem abgeschlossenen Prozess erwarten würde.
00:22:12: Fangen wir mit der Frage an die mich am meisten beschäftigt Wie viele Opfer gibt es wirklich?
00:22:17: Klaus-O wurde wegen versuchten Mordes in zehn Fällen verurteilt.
00:22:21: Zehn!
00:22:22: Aber die Mordkommission hat eben die Krankheits- und Todesfälle in der Firma ab dem Jahr zweitausend untersucht Fast zwei Jahrzehnte.
00:22:29: Und da gibt es einundzwanzig Verdachtsfälle, die identifiziert wurden.
00:22:33: Einige Leichen wurden exhumiert.
00:22:35: Ob Klaus Ohr für weitere Todesfälle verantwortlich ist?
00:22:39: Das wird sich so die Einschätzung der Ermittler wahrscheinlich nie wirklich vollständig klären lassen und das ist kein kleines Fragezeichen.
00:22:45: Es ist ein riesengroßes!
00:22:48: Dann ist dann natürlich das Motiv.
00:22:50: Die Staatsanwaltschaft hat eine Interpretation geliefert.
00:22:53: er habe das leiden seiner Kollegen genießen wollen.
00:22:56: Das Langsamen sehe ich tu ihm vor seinen Augen.
00:22:59: Ich finde diese Erklärung psychologisch nachvollziehbar, aber sie kommt nicht von Klaus-O selbst – er hat geschwiegen bis heute und das Motiv ist offiziell ungeklärt!
00:23:08: Was mich daran nicht loslässt.
00:23:10: ein Geständnis ne'er Erklärungen irgendwas dass Sinn ergibt?
00:23:13: Das hätte zumindest den Familien etwas gegeben….
00:23:15: meine Antwort … Aber stattdessen stille.
00:23:19: Und schließlich die Frage, die am weitesten über diesen einen Fall hinausgeht.
00:23:23: Klaus O war kein Chemiker, kein Wissenschaftler Ein Schlosser, der sich Wissen aus dem Internet zusammengesucht und Substanzen online bestellt hat.
00:23:30: Keine Ausbildung in diesem Bereich – kein Labor im professionellen Sinne!
00:23:35: Nur Zeit Neugier Und eine Absicht.
00:23:39: Das ist keine Kritik am Internet.
00:23:41: Das is ne nüchterne Beobachtung.
00:23:42: Das Wissen iß da.
00:23:44: Die Substanze sind erreichbar Was den Unterschied macht Zwischen jemandem, der das liest und jemandem mit der es tut?
00:23:51: Das is keine Frage der Chemie.
00:23:57: Nick ist tot, sechsundzwanzig Jahre alt.
00:24:00: Seine Eltern haben ihn drei Jahre lang zu Hause gepflegt bis er gestorben ist.
00:24:04: Udo geht mehrmals pro Woche zur Dialyse.
00:24:07: andere Kollegen tragen Schäden mit sich die wir vielleicht nie vollständig kennen werden.
00:24:12: Klaus Oh sitzt in Haft lebenslang mit anschließender Sicherungsverwahrung.
00:24:16: Er hat nie gesprochen und er wird es wahrscheinlich auch nicht tun.
00:24:20: Und irgendwo im Schloss Holte Stubenbrock geht jeden Morgen jemand zur Arbeit öffnet seine Brotdose Denkt vielleicht kurz daran.
00:24:29: Oder auch nicht!
00:24:30: Das Leben geht weiter, meistens tut es das.
00:24:33: Was mich an diesem Fall als Einstieg in diesem Podcast festhält ist nicht die Dramatik.
00:24:41: Es ist die Stille davor, die Jahre in denen Menschen kränker wurden und niemand wusste warum.
00:24:46: Die Symptome, die nach allem Möglichen aussah, nach Stress, Alter, Pech... ...die Werkzeuge, die existiert hätten.
00:24:54: Ich hab diesen Podcast nicht gestartet, weil ich Antworten habe.
00:24:59: Ich weiß wie es sich anfühlt wenn Fragen offen bleiben Wenn etwas passiert ist und die Analytik fehlt oder nie angeordnet wurde Oder zu spät kam.
00:25:08: Das ist kein abstraktes Gefühl!
00:25:10: Ich werde in zukünftigen Folgen mehr dazu sagen.
00:25:13: Heute reicht es mir zu sagen das ist der Grund warum ich hier sitze und diesem Podcast aufnehme.
00:25:18: Nächste Woche schauen wir auf einen anderen Fall Ein Anderen Wirkstoff Einen anderen Menschen der getötet hat und auf ein System das zu lange weggeschaut hat.
00:25:28: Tödliche Verbindung, bis nächste Woche!
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